Oliver Stones Anti-Kriegsfilm „Born on the Fourth of July“ erzählt bis heute scharf vom amerikanischen Selbstbild: von Heldenverehrung, Patriotismus und dem jähen Bruch, den der Vietnamkrieg für eine ganze Generation bedeutete. Der Film mit Tom Cruise in der Hauptrolle, 1989 erschienen, gilt als eine der prägnantesten filmischen Abrechnungen mit dem US-Mythos des geläuterten Helden.
Dass der Film rund um den Unabhängigkeitstag erneut gesehen wird, ist kein Zufall. Stones Werk setzt genau dort an, wo amerikanische Feiertagsrhetorik und historische Realität aufeinanderprallen: bei der Frage, wie sich ein Land selbst erzählt, wenn aus idealisierten Kriegsbildern Verstümmelung, Zweifel und politisches Erwachen werden. Cruise spielt den Marineveteranen Ron Kovic, dessen Biografie dem Film als Vorlage diente. Kovic, geboren am 4. Juli 1946, meldete sich freiwillig zum Einsatz in Vietnam, wurde dort schwer verwundet und entwickelte sich später zu einem prominenten Antikriegsaktivisten.
Stone verhandelt diese Geschichte nicht als persönliche Tragödie allein, sondern als Angriff auf eine nationale Erzählung. Der Film zeigt, wie schnell aus Pathos Ernüchterung wird: Der junge Kovic wächst in der Gewissheit auf, für ein gerechtes Land zu kämpfen, kehrt jedoch als gelähmter, desillusionierter Mann zurück. Gerade dieser Gegensatz machte „Born on the Fourth of July“ zu einem Schlüsselwerk des politischen US-Kinos der späten 1980er-Jahre.
Für Tom Cruise war die Rolle ein Wendepunkt. Nach dem Erfolg von „Top Gun“ 1986 ließ er sich auf ein deutlich unbequemeres Projekt ein und entfernte sich bewusst vom Bild des makellosen Actionstars. Seine Darstellung brachte ihm den Golden Globe und eine Oscar-Nominierung als bester Hauptdarsteller ein; der Film selbst wurde mit acht Oscar-Nominierungen bedacht und gewann zwei davon, darunter für Stone als Regisseur.
Auch mehr als drei Jahrzehnte später bleibt der Film aktuell, weil er eine Frage stellt, die in den USA bis heute nicht erledigt ist: Wie viel Selbstbild trägt ein Land, wenn die Geschichten von Opfermut und Größe nicht mehr mit den Erfahrungen aus Krieg und gesellschaftlicher Spaltung übereinstimmen? „Born on the Fourth of July“ antwortet darauf nicht mit Versöhnung, sondern mit der Erkenntnis, dass amerikanische Mythen besonders dann sichtbar werden, wenn sie zerbrechen.









