Mit Asmik Grigorian in der Titelrolle ist bei den Salzburger Festspielen eine neue „Carmen“-Produktion auf die Bühne gekommen, die vor allem musikalisch überzeugt. Die litauische Sopranistin feierte ihr Debüt als Bizets verführerische und unbeugsame Carmen unter der Leitung von Teodor Currentzis und wurde für ihren Auftritt gefeiert. Die Regie der belgischen Choreografin und Theatermacherin Gabriela Carrizo spaltete dagegen den Eindruck.
Carrizo, die mit ihrer Compagnie Peeping Tom arbeitet, setzt in der Oper nicht auf die vertrauten Bilder von spanischem Lokalkolorit, Stierkampf-Ästhetik oder folkloristischem Überschwang. Stattdessen rückt sie die Beziehungen zwischen Carmen, Don José und den anderen Figuren in eine düstere, körperlich zugespitzte Welt. Der Zugriff ist bewusst gegen den Strich gebürstet und verweigert das naheliegende Blickfutter, das Bizets Oper seit Jahrzehnten oft begleitet.
Gerade daraus bezieht die Produktion ihren Reiz, aber auch ihre Grenzen. Der Abend lebt von starken szenischen Tableaus und der Präsenz der Darstellerinnen und Darsteller, bleibt in seiner Deutung aber nicht in jeder Phase zwingend. Während die musikalische Seite mit Currentzis am Pult und Grigorians zentralem Rollendebüt den Premierenabend prägt, wirkt die szenische Handschrift weniger geschlossen.
Die Salzburger Festspiele starteten damit in einen Opernabend, der das Publikum nicht mit gefälliger Tradition bedient, sondern mit einem Zugriff, der auf Reibung setzt. Schon am Eröffnungstag blieb die Mozartstadt von Störungen verschont; vor dem Festspielhaus hielt die Polizei zwar bis spät in die Nacht Präsenz, Zwischenfälle blieben aber aus.
Für Salzburg ist diese „Carmen“ vor allem ein Sängerinnen- und Dirigentenereignis. Grigorian bestätigte einmal mehr ihren Rang als eine der markantesten dramatischen Sopranistinnen ihrer Generation. Die Festspiele setzen mit der Produktion zugleich auf eine Deutung, die Bizets populärste Oper nicht als Kostümstück zeigt, sondern als psychologisch aufgeladene Geschichte über Macht, Begehren und männliche Gewalt.









