Zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum fällt die Bilanz in Großbritannien vielerorts ernüchternd aus. Seit die Briten am 23. Juni 2016 mit 52 Prozent für den Austritt aus der EU stimmten, hat sich das Land politisch und wirtschaftlich tiefgreifend verändert – doch die anfänglichen Versprechen von mehr Souveränität und finanziellen Spielräumen haben sich aus Sicht vieler Kritiker nicht erfüllt.
In der englischen Hafenstadt Gosport zeigt sich, wie gespalten die Stimmung auch ein Jahrzehnt später bleibt. Während einige den EU-Austritt weiterhin verteidigen und ihn als notwendigen Schritt zur Rückgewinnung nationaler Kontrolle sehen, sprechen andere von einem politischen und wirtschaftlichen Fehlentscheid. Eine Britin, die sich als Catherine Sharp vorstellt, erinnert sich daran, dass sie und ihr Mann ihre Europareise frühzeitig abbrachen, um noch abstimmen zu können. Als das Ergebnis in der Nacht verkündet wurde, sei es für sie ein Schock gewesen.
Das Brexit-Lager hatte 2016 vor allem mit dem Finanzargument geworben. Bekannt wurde der Slogan, Großbritannien überweise jede Woche 350 Millionen Pfund an die EU, Geld, das stattdessen in das staatliche Gesundheitssystem NHS fließen könne. Die Zahl bezog sich allerdings auf den Bruttobetrag vor Abzügen und ließ aus, dass Großbritannien im Gegenzug auch Zahlungen und Förderungen erhielt. Besonders in der Landwirtschaft und in strukturschwachen Regionen waren EU-Mittel für viele Menschen spürbar.
Politisch hat der Brexit die Debatte in Großbritannien nicht befriedet, sondern langfristig verschärft. Fragen nach Migration, Handel, Bürokratie und den Folgen für den Zusammenhalt des Vereinigten Königreichs prägen die Auseinandersetzung bis heute. Hinzu kommt, dass das Referendum von 2016 längst als Zäsur gilt: Es beendete nicht nur die EU-Mitgliedschaft, sondern löste auch Jahre innenpolitischer Krisen, Regierungswechsel und heftiger Konflikte über den künftigen Kurs des Landes aus.
Für viele Briten ist der Brexit heute vor allem ein Symbol für enttäuschte Erwartungen. Die Hoffnungen auf mehr wirtschaftliche Dynamik und politisches Gewicht stehen einer Realität gegenüber, in der die Beziehungen zur EU komplizierter geworden sind. Zehn Jahre nach dem Referendum ist der Streit darüber, ob der Austritt ein Befreiungsschlag oder ein Irrweg war, in Großbritannien keineswegs beendet.









