Polens Präsident Karol Nawrocki hat dem ukrainischen Staatschef Wolodimir Selenskij den höchsten Orden des Landes aberkannt. Die Entscheidung betrifft den Weißen-Adler-Orden und wurde am Freitagabend per Videobotschaft bekanntgegeben. Auslöser ist ein neuer Streit zwischen Warschau und Kiew über die Bewertung der ukrainischen Nationalbewegung im Zweiten Weltkrieg.
Die ukrainische Regierung reagierte umgehend mit scharfer Kritik. Sie sprach von einem „strategischen Fehler“ und nannte den Schritt „respektlos“. Für die Beziehungen zwischen beiden Ländern ist die Entscheidung heikel: Polen zählt seit Beginn des russischen Angriffskriegs zu den wichtigsten militärischen und humanitären Unterstützern der Ukraine.
Der aktuelle Konflikt knüpft an einen alten historischen Streit an, der in Polen besonders sensibel ist. Im Zentrum steht die Ukrainische Aufständische Armee (UPA), die im Zweiten Weltkrieg auf dem Gebiet der heutigen Ukraine für Massaker an Polen verantwortlich war. Nach polnischen Angaben töteten UPA-Einheiten zwischen 1943 und 1945 bis zu 100.000 ethnische Polen in Wolhynien. Die Region gehörte bis 1939 zu Polen und wurde nach dem Hitler-Stalin-Pakt der sowjetischen Ukraine zugeschlagen.
Auslöser des jüngsten diplomatischen Eklats war die Benennung einer ukrainischen Armeeeinheit nach der UPA. Selenskij hatte damit Ende Mai in Polen Kritik ausgelöst. Die UPA war in den 1940er-Jahren der militärische Arm der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), die im Kampf gegen die Sowjetunion zeitweise mit NS-Deutschland kollaborierte. In der heutigen Ukraine werden Angehörige von OUN und UPA teils als Freiheitskämpfer verehrt.
Bereits 2024 hatte es zwischen Kiew und Warschau Spannungen über das Massaker von Wolhynien gegeben. Die erneute Auseinandersetzung zeigt, wie stark historische Fragen die politische Beziehung beider Staaten weiterhin belasten – gerade in einer Phase, in der Polen für die Ukraine als Nachbar, Transitland und Unterstützer im Krieg gegen Russland unverzichtbar bleibt.









