Dinçer Güçyeter hat in Graz eine Poetikvorlesung gehalten, in der er über das Schreiben, ökonomischen Druck und die Zumutungen des Literaturbetriebs sprach. Der deutsch-türkische Autor und Verleger, bekannt etwa für seinen Roman Unser Deutschlandmärchen, erzählte dabei auch von der Doppelrolle zwischen künstlerischem Anspruch und den Anforderungen eines Marktes, der von Autorinnen und Autoren weit mehr verlange als nur Texte.
Güçyeter schilderte, wie sehr Auszeichnungen den Alltag eines Schriftstellers verändern können. Nach zwei großen Buchpreisen sei er nach eigenen Worten über Monate als eine Art „Wanderclown“ durch den Betrieb getingelt. Statt neue Gedichte zu schreiben, habe er täglich rund 50 Mails beantwortet, Formulare ausgefüllt, Rechnungen gelegt und regelmäßig seine Steuerberaterin aufgesucht. Die Vorlesung machte damit sichtbar, wie viel unsichtbare Arbeit hinter literarischer Produktion steht.
Im Zentrum stand auch die Frage, woher Texte unter solchen Bedingungen überhaupt kommen. Güçyeter beschreibt das Zurückziehen in das türkische Dorf seiner Familie als Gegenraum zum Literaturalltag. Dort, fern von Terminen, Preislogik und Erwartungsdruck, entstehe wieder Distanz zu Deutschland und zu jenem Betrieb, in dem er sich zugleich als Prolet und als Literaturstar bewege. Träume, Erinnerungen und konkrete Sinneseindrücke aus diesem Umfeld seien für sein Schreiben entscheidend.
Zu dieser Herkunftswelt zählen nach Gücyeters Darstellung unter anderem die Früchte vom Markt, die Musik türkischer Sängerinnen, Gedichte türkischer Autorinnen und Autoren sowie Kaffee und Zigaretten. Diese Elemente dienen in seiner Poetikvorlesung nicht als Folklore, sondern als Gegenmodell zu einer Literaturwelt, die er als überaus selbstgewiss und distanziert beschreibt. Er kritisierte dabei auch die „steife Selbstgerechtigkeit im Literaturbetrieb“.
Güçyeter trat in Graz mit einer auffälligen Mischung aus Selbstironie und Selbstbehauptung auf. Die im Titel der Veranstaltung angesprochene Fake-Gucci-Hose wurde dabei zum Symbol für die Rollen, die ein Autor in diesem Feld annehmen kann: zwischen Herkunft, Pose und Erwartung. Die Vorlesung zeigte einen Schriftsteller, der das literarische Geschäft nicht von außen kommentiert, sondern aus seinem Inneren heraus befragt.









