Künstliche Intelligenz wird im Alltag immer stärker zum Filter für Informationen, Empfehlungen und Entscheidungen. Der Mathematiker Jan Maly und der KI-Experte Erich Prem warnen davor, KI-Systeme mit einem Wahrheitsmaßstab zu verwechseln: Sie seien Sprachmodelle, keine Wahrheitsmodelle. Gerade deshalb stelle sich die Frage, wie fair Antworten tatsächlich sind und wessen Regeln sie folgen.
Prem beschreibt die Reichweite der Technologie bis in sehr persönliche Bereiche. KI entscheide bereits mit, was Menschen anziehen oder auch wen sie wählen sollen, sagte er sinngemäß im Rahmen der aktuellen Ausgabe von „Wiener Wissen“. Maly verweist darauf, dass KI-Modelle auf mathematischen Verfahren beruhen, daraus aber keine gesellschaftliche Gerechtigkeitsfrage ableitbar sei. Eine Formel könne nicht beantworten, wie Fairness etwa bei der Verteilung von Vermögen aussehen solle.
Im Kern geht es damit um eine der zentralen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fragen der Gegenwart: Wer bestimmt, welche Antworten Plattformen, Suchsysteme und Assistenten liefern? Ein großer Teil der täglichen Informationsnutzung läuft längst über Systeme, die Inhalte automatisch zusammenfassen, sortieren oder empfehlen. Hinzu kommt, dass nach Einschätzung von Prem der überwiegende Teil der sozialen Medien bereits künstlich erzeugt sei. Das verschärft das Problem von Vertrauen und Einordnung.
Für Europa ist das Thema auch industriepolitisch relevant. Die Abhängigkeit von US-Technologiekonzernen bleibe hoch, betonte Prem. Als Gegenmodell fordert er, stärker auf eigene Werte zu setzen, statt den Vorgaben anderer zu folgen. Gemeint ist damit nicht nur Regulierung, sondern auch die Frage, ob europäische Unternehmen und öffentliche Stellen KI-Systeme nach eigenen Standards entwickeln und einsetzen können.
Die Debatte fällt in eine Phase, in der KI-Anwendungen in Unternehmen, Verwaltung und Medienproduktion rasch an Bedeutung gewinnen. Je stärker sie in Auswahl, Bewertung und Kommunikation eingreifen, desto wichtiger wird die Trennung zwischen sprachlicher Plausibilität und überprüfbarer Wahrheit. Genau an dieser Stelle setzen Maly und Prem an: KI könne Muster erkennen und Formulierungen erzeugen, ersetze aber keine gesellschaftliche Aushandlung darüber, was fair und richtig ist.









