Maylis de Kerangal hat mit Jour de ressac einen Roman vorgelegt, der in ihrer Heimatstadt Le Havre spielt und eine Frau aus Paris mit einer lange verdrängten Vergangenheit konfrontiert. Ausgelöst wird die Geschichte durch den Anruf eines Ermittlers aus Le Havre: Ein unbekannter Toter wurde an der Nordmole gefunden, bei sich hatte er nur die Telefonnummer der Ich-Erzählerin auf einer Kinokarte.
Die Erzählerin arbeitet in Paris als Synchronsprecherin und lebt dort mit ihrem Mann und der erwachsenen Tochter. Der Anruf reißt sie aus ihrem geordneten Alltag. Im Zentrum des Romans steht ein einziger Tag, an dem sich ihr Leben verschiebt und Erinnerungen an die Hafenstadt Le Havre zurückkehren. Der Roman entfaltet damit nicht nur einen Kriminalimpuls, sondern auch eine Annäherung an Herkunft, Familie und verdrängte Geschichte.
De Kerangal ist selbst eng mit Le Havre verbunden. Sie stammt aus einer Familie von Kapitänen; die Hafenstadt und ihre maritime Prägung haben in ihrem Werk immer wieder eine Rolle gespielt. Jour de ressac knüpft daran an, indem der Text Le Havre nicht bloß als Schauplatz, sondern als Speicher von Familiengeschichte und kollektiver Erinnerung zeichnet.
Die französische Autorin gehört seit Jahren zu den prägenden Stimmen der Gegenwartsliteratur. Bekannt wurde sie mit vielschichtigen Romanen über Arbeit, Körper, Technik und soziale Beziehungen. In ihrem neuen Buch rückt nun stärker als zuvor das Persönliche in den Vordergrund. Der Roman verbindet eine beinahe thrillerartige Ausgangslage mit einer literarischen Untersuchung von Herkunft und Verlust.
Gerade für Leserinnen und Leser im deutschsprachigen Raum dürfte das Buch auch als Porträt einer Stadt von Interesse sein, die nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs neu aufgebaut wurde und bis heute von ihrem Hafen geprägt ist. De Kerangal nutzt diese Kulisse, um die Distanz zwischen Paris und der Normandie ebenso sichtbar zu machen wie die Bindung zwischen einer Frau und dem Ort, aus dem ihre Geschichte stammt.









