Mit Sleeping Fires bringt der japanische Autor und Regisseur Kurō Tanino bei den Wiener Festwochen ein Stück über Wahrnehmung, Abhängigkeit und Rache auf die Bühne des Odeon. Das Werk erzählt von zwei blinden Masseurinnen in der Edo-Zeit und verbindet eine märchenhafte Erzählweise mit präziser Beobachtung sozialer Hierarchien.
Tanino verlegt die Handlung rund 200 Jahre zurück in eine verlassene Bauernhütte nördlich des damaligen Edo, dem heutigen Tokio. Dort lebt die blinde Frau Iku mit ihrem Mann. Ihre therapeutischen Massagen sind weithin bekannt, ihre besondere Fähigkeit liegt darin, mit den Händen zu „sehen“ und ihre Umgebung auf diese Weise wahrzunehmen. Im Zentrum steht damit nicht nur ein persönliches Schicksal, sondern auch die Frage, wie Menschen dieselbe Welt unterschiedlich erfassen und bewerten.
Das Stück wirkt auf den ersten Blick wie ein altes japanisches Volksmärchen, ist aber eine aktuelle Arbeit: Sleeping Fires hatte erst im März in Hongkong Uraufführung. Dass Tanino nun mit dem Stoff bei den Wiener Festwochen gastiert, fügt sich in das Profil des Festivals, das regelmäßig internationale Gegenwartsstücke und ungewöhnliche Formen aus Theater und Performance zeigt.
Gerade in seiner Verbindung von historischer Distanz und körperlicher Nähe entfaltet das Stück Reiz. Die Edo-Zeit dient Tanino nicht als bloße Kulisse, sondern als Raum, in dem Fragen nach Wahrnehmung, Fürsorge und Macht sichtbar werden. Die blinde Hauptfigur ist dabei nicht als Randexistenz angelegt, sondern als zentrale Figur mit eigener Kompetenz und Autorität.
Die Inszenierung im Odeon setzt damit auf eine leise, aber vielschichtige Erzählung. Statt großer Effekte rückt sie eine Lebenswelt ins Zentrum, in der Berührung, Orientierung und soziale Stellung eng miteinander verbunden sind. Dass in Japan blinde Menschen historisch oft im Massageberuf arbeiteten, gibt der Geschichte einen zusätzlichen realen Hintergrund, ohne ihren märchenhaften Ton zu verlieren.









