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Anna Felnhofer erzählt in „Prosopon“ von Verlust, Wahrnehmung und einem Vater ohne Gesicht

Redaktionelle Szene zum Thema „Anna Felnhofer erzählt in „Prosopon“ von Verlust, Wahrnehmung und einem Vater ohne Gesicht“

Anna Felnhofer hat mit „Prosopon“ einen Roman vorgelegt, der eine Familie in einer extremen Ausnahmesituation zeigt: Im Zentrum steht ein sterbendes Kind, daneben ein Vater, der an Gesichtsblindheit leidet. Der Text arbeitet mit klarer, verdichteter Prosa und entwickelt daraus eine verstörende Bilderwelt, in der Wahrnehmung und Nähe immer wieder ins Wanken geraten.

Das Buch ist im Luftschacht Verlag erschienen. Felnhofer hatte mit einem Auszug daraus bereits 2023 beim Ingeborg-Bachmann-Preis Aufmerksamkeit erregt; den Deutschlandfunk-Preis erhielt sie damals schließlich mit diesem Textausschnitt. Der Roman führt diese literarische Anlage nun in voller Länge aus.

Familie als Ort der Verunsicherung

Der Titel „Prosopon“ verweist auf das Gesicht und auf die Frage, wie Menschen einander erkennen – oder eben nicht. Genau daraus zieht Felnhofer die Spannung ihres Romans. Der Vater sieht Gesichter nicht zuverlässig, das Verhältnis zwischen ihm und dem Kind bleibt damit nicht nur emotional, sondern auch körperlich und wahrnehmungsbezogen gestört. Der Satz „Was bleibt, ist das Gefühl, dass du und ich einander, selbst nach sieben Jahren, kein nennenswertes Stück nähergekommen sind“ fasst diese Distanz in knappster Form.

Felnhofer, die auch als Psychologin arbeitet, setzt nicht auf breite Erzählgesten, sondern auf Konzentration. Die Sprache bleibt knapp, kontrolliert und zugleich offen für Brüche. Gerade dadurch entsteht eine Atmosphäre, in der sich das Private ins Unheimliche verschiebt, ohne je ins bloß Effektvolle zu kippen.

Literarischer Blick auf Krankheit und Wahrnehmung

Im literarischen Zugriff auf Krankheit und Sterben verbindet „Prosopon“ körperliche Erfahrung mit einer Frage, die weit über die Familie hinausreicht: Wie sicher ist das, was wir sehen, erkennen und einander zuschreiben? Die Gesichtsblindheit des Vaters wird dabei nicht nur als medizinisches Detail erzählt, sondern als erzählerisches Prinzip. Sie verändert den Blick auf Nähe, Fürsorge und Erinnerung.

Damit reiht sich Felnhofer in eine Gegenwartsliteratur ein, die psychische und körperliche Grenzerfahrungen nicht ausstellt, sondern sprachlich präzise untersucht. „Prosopon“ ist ein Roman über Verlust, aber auch über die Fragilität jeder Beziehung, die sich auf Wiedererkennen stützt.

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