Europa ist wirtschaftlich nicht verloren, sagt Mario Holzner, Chef des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW). Der Eindruck, die EU habe im Wettlauf mit den USA und China bereits abgehängt, greife zu kurz. Entscheidend sei vielmehr, ob Europa seine Stärken bei Industrie, Forschung und grüner Technologie wieder besser ausspiele.
Holzner widerspricht damit der verbreiteten Diagnose eines strukturellen Niedergangs. Die USA profitierten derzeit vor allem von ihrer Technologieführerschaft und einem großen Binnenmarkt, China von massiver Industriepolitik und der eigenen Größenordnung. Europa habe zwar Aufholbedarf, verfüge aber weiterhin über eine breite industrielle Basis, gut ausgebildete Arbeitskräfte und starke Exportbranchen.
Besonders kritisch sieht der Ökonom die Lage in Österreich. Das Land stecke tiefer in der Wirtschaftsschwäche als viele Nachbarn, weil es stark von Industrie und Exporten abhänge und die Nachfrage in wichtigen Märkten schwächele. Zugleich belasten hohe Kosten und eine insgesamt gedämpfte Investitionsbereitschaft den Standort. Für eine rasche Trendwende braucht es aus Holzners Sicht vor allem eine stabilere Industriepolitik und mehr Tempo bei der Transformation.
Chinas Überproduktion als Vorteil für Europa
Ein zentraler Punkt in Holzners Argumentation betrifft China. Dessen Überkapazitäten in der Industrie, etwa bei Komponenten für die Energiewende, könnten Europa kurzfristig sogar nutzen. Billigere Vorprodukte und Anlagen, etwa im Bereich Windkraft, könnten den Ausbau erneuerbarer Energien beschleunigen. Statt chinesische Überproduktion nur als Bedrohung zu sehen, sollte Europa laut Holzner prüfen, wo sie den Umbau des Energiesystems unterstützt.
Langfristig bleibt für die EU aber die Frage offen, wie sie mit der Konkurrenz aus den USA und China umgehen will. Während Washington mit hohen Subventionen und industriepolitischen Anreizen Investitionen anzieht, setzt Peking auf staatlich gelenkte Industrieförderung. Europa müsse deshalb eigene Rahmenbedingungen schaffen, um im globalen Wettbewerb nicht zwischen den beiden Wirtschaftsmächten aufgerieben zu werden.
Für Österreich ist das besonders heikel. Als kleine, offene Volkswirtschaft trifft jede Schwäche in der europäischen Industrie rasch die heimische Produktion, Beschäftigung und Investitionen. Genau deshalb, so Holzner, sei die Krise in Österreich schärfer spürbar als anderswo. Europas wirtschaftliche Zukunft sei damit nicht entschieden – aber Österreichs Spielraum wird enger, wenn Reformen und Investitionen ausbleiben.









