Im Wiener Akademietheater hat die polnische Regisseurin Marta Górnicka mit „Kassandra“ ein chorisches Bühnenstück vorgelegt, das den antiken Mythos der Seherin als politisches Warnsignal für die Gegenwart lesen will. Der Abend setzt auf kollektiven Sprechgesang, Appelle und Anklage, bleibt in der Wirkung aber deutlich hinter seinem Anspruch zurück.
Górnicka arbeitet seit Jahren mit großen Chören und einer stark rhythmisierten Sprache. Auch in „Kassandra“ steht nicht die individuelle Figur im Zentrum, sondern eine Gruppe, die im Namen der trojanischen Königstochter spricht. Der Bezug ist naheliegend: Kassandra war in der griechischen Mythologie dazu verdammt, die Wahrheit vorherzusagen, ohne gehört zu werden. Das macht sie bis heute zu einer Figur für Warnungen vor politischer Blindheit und gesellschaftlicher Verdrängung.
Der Abend im Akademietheater versucht, diesen Stoff auf aktuelle Konflikte und Krisen zu übertragen. Der Chor erhebt den moralischen Zeigefinger, beschwört eine bessere Welt und arbeitet mit dem Gestus des Protests. Genau darin liegt aber auch das Problem: Die Inszenierung setzt stark auf Agitation, entwickelt daraus jedoch kaum eigene gedankliche Schärfe. Was als Warnung und Anklage angelegt ist, verliert sich in Überdeutlichkeit.
Auch ästhetisch bleibt das Stück dem Kritikerblick zufolge hinter den Möglichkeiten des Materials zurück. Das chorische Prinzip erzeugt zwar Präsenz und Energie, doch die Form wirkt auf Dauer schematisch. Die Spannung zwischen antiker Figur und heutiger Gegenwart, zwischen Mythos und politischer Rede, wird eher behauptet als wirklich entfaltet.
Damit reiht sich „Kassandra“ in jene Arbeiten ein, die den Klassiker nicht neu befragen, sondern vor allem als Träger einer Botschaft verwenden. Gerade im Theater, das von Ambivalenz und Mehrdeutigkeit lebt, fällt eine solche Eindeutigkeit schnell als Schwäche auf. Górnickas Abend sucht den großen politischen Zugriff, erreicht aber nach dieser Lesart weder die volle Wucht des Stoffes noch die Genauigkeit, die er bräuchte.









