Angélica Liddell hat bei den Wiener Festwochen mit „Seppuku“ ein weiteres Stück über Sterben, Opfer und Selbstaufgabe vorgelegt. Die spanische Theatermacherin widmet sich darin dem japanischen Autor Yukio Mishima, der mit nationalistischen Positionen und seinem ritualisierten Suizid 1970 zur Symbolfigur wurde.
Liddell bleibt damit ihrer künstlerischen Linie treu. Die Regisseurin und Performerin arbeitet seit Jahrzehnten an einer Theatersprache, in der Schmerz, Ekel, Kitsch und religiöse Bildwelten ineinandergreifen. Schon ihre erste Arbeit „Greta quiere suicidarse“ aus dem Jahr 1988 machte die Fixierung auf das Thema Tod sichtbar. Zuletzt hatte sie sich in „Liebestod“ dem Torero Juan Belmonte gewidmet.
Auch in „Seppuku“ setzt Liddell auf Ritual und Überhöhung. Der Titel verweist auf die traditionelle japanische Form des rituellen Suizids, die in der westlichen Rezeption oft mit dem Namen Harakiri verbunden wird. Mishima, der dieses Motiv in seinem Denken und Schreiben immer wieder aufgriff, dient Liddell als Projektionsfläche für eine konsequent anti-heidnische, auf Auslöschung und Transzendenz ausgerichtete Vorstellung von Existenz.
Das Stück passt in das Profil der Festwochen, die regelmäßig Arbeiten zeigen, die das Theater als körperliches und ideologisches Experiment verstehen. Liddells Zugang ist dabei bewusst unversöhnlich: Statt Distanz oder Ironie setzt sie auf Pathos und Überwältigung. Genau daraus bezieht „Seppuku“ seine Wirkung – und auch seine Zumutung.
Auf der Bühne steht Liddell gemeinsam mit dem Bodybuilder Alberto Alonso Martínez, der das Bild einer im Angesicht des Lebens versagenden Existenz verstärkt. Der Abend verdichtet die bekannten Motive der Künstlerin zu einer düsteren Feier der Selbstzerstörung, in der Bewunderung und Abscheu eng beieinanderliegen.
Mit „Seppuku“ liefert Liddell bei den Wiener Festwochen damit keinen Neubeginn, sondern eine radikale Fortsetzung ihres bisherigen Werks. Das Stück ist vor allem ein weiterer Beleg dafür, wie konsequent sie seit fast vier Jahrzehnten an einer Ästhetik der Sterbenssehnsucht arbeitet.









