Die forensische Psychiaterin Adelheid Kastner warnt vor zu einfachen Erklärungen für Gewalt und schwere Kriminalität. „Bei fast allen ist fast alles möglich“, sagt sie im Gespräch über Täter, Verantwortung und die Frage, warum Menschen zu Verbrechern werden. Kastner hat einige der bekanntesten Kriminellen Österreichs begutachtet, darunter Josef Fritzl und Estibaliz Carranza.
Die Ärztin, die am Kepler Universitätsklinikum in Linz tätig ist, beschreibt forensische Psychiatrie als ein Feld, das sie nach Umwegen in ihrer Laufbahn für sich entdeckte. Eigentlich habe sie Gerichtsmedizinerin werden wollen, erzählt sie. Später habe sie in Linz begonnen und sei über die Arbeit in der Alkoholentwöhnungsklinik in Traun schließlich zur Psychiatrie und dann zur Forensik gekommen.
Keine einfache Grenze zwischen normal und gefährlich
Kastner hält wenig von der Vorstellung, gefährliche Entwicklungen ließen sich im Nachhinein leicht erklären. Menschen suchten oft nach einem „Was wäre gewesen, wenn?“, sagt sie. Doch das Leben werde vorwärts gelebt; wer zu sehr auf verpasste Möglichkeiten zurückblicke, nehme die Chancen vor sich womöglich nicht wahr.
Der Kern ihrer Arbeit ist die Einschätzung, wie sich Persönlichkeit, Belastungen und Entscheidungen bei Straftätern zusammenspielen. Gerade in der forensischen Psychiatrie gehe es nicht um einfache Schubladen, sondern um die Frage, wie viel Spielraum ein Mensch in einer bestimmten Situation noch hat und wann daraus eine Gefahr für andere wird.
Abgründe und Verantwortung
Im Interview spricht Kastner auch über männliche Verbrecher, über Verantwortung für das eigene Leben und über gesellschaftliche Entwicklungen. Ihr Befund ist nüchtern: Wer menschliches Verhalten verstehen wolle, müsse die Abgründe mitdenken, statt sie auszublenden. Zugleich verteidigt sie die Idee persönlicher Verantwortung gegen allzu bequeme Ausreden.
Kastner gehört seit Jahren zu den bekanntesten Stimmen der österreichischen Forensik. Ihre Arbeit in Verfahren mit schwersten Gewalttaten hat sie mit Fällen konfrontiert, die weit über den Einzelfall hinaus Fragen nach Prävention, Therapie und Risikoeinschätzung aufwerfen. Gerade deshalb wirkt ihre zentrale Aussage so unbequemen wie klar: In sehr vielen Menschen steckt mehr Unberechenbarkeit, als man gemeinhin wahrhaben will.









