Sechs vergiftete Gänsegeier, die in den vergangenen Wochen im Lesachtal in Kärnten und Osttirol verendet sind, stammen nach Einschätzung von Fachleuten aus der Gänsegeier-Kolonie im norditalienischen Friaul-Julisch Venetien. Der Fall sorgt damit nicht nur in Österreich, sondern auch in Italien für Aufregung und trifft ein Schutzprojekt, das seit Jahren an der Rückkehr der Art in den Alpen arbeitet.
Nach toxikologischen Untersuchungen starben die Vögel an Carbofuran, einem verbotenen Pestizid, das offenbar als Giftköder ausgelegt worden sein dürfte. Fulvio Genero, wissenschaftlicher Leiter des Naturschutzgebiets Cornino, geht davon aus, dass die Tiere regelmäßig im Alpenraum bis in die österreichischen Alpen auf Nahrungssuche unterwegs waren und deshalb der friaulischen Kolonie zuzuordnen sind. Zwei der betroffenen Geier waren beringt und konnten eindeutig identifiziert werden.
Besonders betroffen ist der Fall von einem Geier namens Acale. Das Tier wurde 2014 in der Aufzuchtstation des Reservats geboren, im selben Jahr ausgewildert und später unter anderem in Genua, über den Pyrenäen und in Zentralspanien beobachtet, bevor es wieder in die Kolonie von Cornino zurückkehrte. Ein zweiter markierter Vogel überlebte die Vergiftung nach Angaben der Forscher als einziges Tier des Vorfalls.
Der Geier wurde demnach mit einer nur geringen Menge des Giftes belastet, geschwächt in einem Fluss entdeckt, geborgen und behandelt. Nach seiner Genesung wurde er wieder freigelassen. Aus Sicht der Fachleute lieferte dieser Vogel wichtige Hinweise für die Rekonstruktion des Geschehens, vor allem zum möglichen Weg des Giftes und zur Herkunft der Tiere.
Der Verdacht, dass die Geier aus Friaul stammen, hat auch für das dortige Schutzprojekt Folgen. In Cornino werden Gänsegeier seit Jahren aufgezogen, ausgewildert und im Alpenraum beobachtet. Die Kolonie gilt als wichtiger Ausgangspunkt für die Rückkehr der Art in den südlichen Alpen. Der aktuelle Fall zeigt, wie verwundbar diese Bestände bleiben, wenn im offenen Gelände Giftköder ausgelegt werden.
Für die Ermittlungen ist vor allem entscheidend, wo die Vögel das Carbofuran aufgenommen haben. Der Stoff gilt als hochgefährlich und ist in der EU seit Jahren nicht mehr zugelassen. Dass gleich mehrere Tiere binnen kurzer Zeit im Grenzraum zwischen Österreich und Italien starben, macht den Fall über den Einzelfall hinaus relevant für den Artenschutz in der gesamten Region.









