Im Libanon verschärfen die israelischen Angriffe nicht nur die humanitäre Lage, sondern auch die Spannungen im Inneren des Landes. Vor allem schiitische Vertriebene, die aus dem Süden in sicherere Regionen geflohen sind, werden zunehmend unter Generalverdacht gestellt, der Hisbollah nahezustehen. In Beirut und anderen Städten berichten Betroffene von Ablehnung, Ausgrenzung und der Sorge, wegen ihrer Herkunft zur Zielscheibe zu werden.
Die Angst betrifft Menschen wie Hussein, einen 30-jährigen Schiiten aus dem Südlibanon. Er rät seinem jüngeren Bruder, in Beirut den Akzent zu verstellen, damit niemand höre, woher er komme. Auch er selbst gibt an, vorsichtiger zu sprechen als früher. Früher hätte er nach eigenen Angaben ohne Zögern offen über Politik geredet; inzwischen sei das anders, weil Misstrauen und Furcht den Alltag prägten.
Flucht in die Hauptstadt, Ablehnung im Haus
Als die Gewalt zwischen Israel und dem Libanon Anfang März 2026 eskalierte, flohen Husseins Familie und nach Angaben des Berichts mehr als eine Million weitere Menschen aus dem Süden des Landes. Viele suchten Schutz in Beirut. Dort trafen sie jedoch nicht nur auf Hilfsbereitschaft. Nach Husseins Schilderung wollten Nachbarn seine Familie nicht im Haus haben, aus Sorge, schiitische Vertriebene könnten das Gebäude zu einem möglichen Ziel israelischer Angriffe machen.
Der Konflikt wirkt damit weit über die Frontlinie hinaus. In einem Land, in dem die schiitische Glaubensgemeinschaft eine der größten ist und die Hisbollah vor allem in schiitisch geprägten Gebieten verankert bleibt, werden Herkunft und politische Zuschreibung zunehmend vermischt. Für viele Libanesen steht nicht mehr der einzelne Mensch im Vordergrund, sondern die vermutete Nähe zur Miliz.
Hisbollah als politischer und militärischer Bezugspunkt
Die Hisbollah ist im Libanon zugleich politische Partei und bewaffnete Organisation. Israels Militärschläge treffen daher nicht nur Orte, an denen die Gruppe tatsächlich präsent ist, sondern prägen auch die Wahrnehmung ganzer Bevölkerungsgruppen. Schiiten berichten, sie würden mit der Hisbollah gleichgesetzt und für den Krieg verantwortlich gemacht. Das verschärft alte konfessionelle Spannungen in einem Land, das seit Jahren unter politischer und wirtschaftlicher Dauerkrise steht.
Gleichzeitig zeigt sich, wie tief die Angst vor weiteren Angriffen reicht. Wer auf der Flucht ist, versucht sich nicht nur vor Bomben zu retten, sondern auch vor Verdächtigungen in den Aufnahmeregionen. Der Krieg verändert damit nicht nur die Karte der Vertreibung, sondern auch das soziale Gefüge im Libanon. Misstrauen wird zur neuen Alltagserfahrung für jene, die ohnehin alles verloren haben.









