David Moss steht mit der Wiederveröffentlichung von Full House erneut im Zentrum einer Aufnahme, die die Grenzen zwischen Gesang, Performance und Musiktheater bewusst verwischt. Die 1984 eingespielte Produktion bei Yatek Records versammelt prägende Namen der New Yorker Downtown-Szene, darunter John Zorn, Fred Frith, Arto Lindsay und Jamaaladeen Tacuma, und gilt als frühes Dokument von Moss’ radikalem Zugriff auf Stimme und Bühne.
Die Platte zeigt den Sänger als Avantgardisten, der Gesang nicht als bloße Melodieführung versteht, sondern als Material für Dekonstruktion, Ironie und körperliche Zuspitzung. Gerade darin liegt die anhaltende Wirkung der Aufnahme: Moss arbeitet mit Lauten, Brüchen und theatralen Gesten, ohne den musikalischen Zusammenhang zu verlieren. Dass Full House nun wieder verfügbar ist, lenkt den Blick auf eine Ästhetik, die in den 1980er-Jahren aus dem experimentellen Umfeld New Yorks heraus entstand und bis heute nachwirkt.
Auch später blieb Moss in solchen Grenzbereichen präsent. Bei Hans Neuenfels’ Fledermaus bei den Salzburger Festspielen 2001 übernahm er die Rolle des Prinz Orlofsky und setzte den ironisch-fistelnden Zugriff auf die Figur als Teil einer bewusst zugespitzten Deutung ein. Als es bei der Premiere zu heftigen Buh-Rufen kam, reagierte Moss improvisierend und rief ins Mikrofon: „Chacun à son goût“. Der Moment steht exemplarisch für einen Künstler, der Widerspruch nicht scheut, sondern in die Performance integriert.
Mit neuen Aufnahmen von Wolfgang Muthspiel und Ferg’s Imaginary Big Band wird zugleich ein aktuelleres Feld des Jazz sichtbar, in dem kammermusikalische Feinzeichnung und orchestraler Aufwand aufeinandertreffen. Muthspiel, seit Jahren einer der markantesten österreichischen Gitarristen zwischen Jazz, Klassik und improvisierter Musik, steht für einen kontrollierten, detailreichen Zugriff. Fergs Imaginary Big Band setzt dem die größere Besetzung und den bewussten Exzess entgegen. Der Kontrast macht die Spannweite dieses Themenfelds deutlich: hier konzentrierte Klangarbeit, dort der mitunter überschäumende Zugriff eines Ensembles, das sich ausdrücklich an die große Form wagt.
Zusammen ergeben diese Veröffentlichungen ein Bild gegenwärtiger Jazz- und Improvisationskultur, das weniger auf stilistische Reinheit als auf Reibung setzt. Provokation, Kammerjazz und Big-Band-Format stehen dabei nicht gegeneinander, sondern markieren unterschiedliche Wege, wie sich musikalische Freiheit heute artikulieren kann.









