Extrig.at

Die unabhängige Onlinezeitung für Österreich

Wiener Pflegeheim-Prozess: Urteil gegen frühere Leiterin erwartet

Redaktionelle Szene zum Thema „Wiener Pflegeheim-Prozess: Urteil gegen frühere Leiterin erwartet“

Am Wiener Landesgericht wird heute das Urteil im Prozess gegen die frühere Leiterin einer Seniorenresidenz erwartet. Der 62-Jährigen werden zahlreiche Missstände in einem privaten Pflegeheim in Wien vorgeworfen, darunter Quälen und Vernachlässigen wehrloser Personen. Ihr drohen bis zu drei Jahre Haft.

Im Zentrum des Verfahrens steht der Vorwurf, dass über Jahre hinweg nicht genügend Personal vorhanden gewesen sei und selbst grundlegende Pflegeutensilien gefehlt hätten. Laut Anklage waren 17 Seniorinnen und Senioren betroffen. Beschrieben wurden unter anderem Verwahrlosung, Unterernährung und Dehydrierung.

Besonders belastend sind die Schilderungen eines im Heim beschäftigten Arztes. Er legte 2021 eine Gefährdungsanzeige, nachdem er wegen des Personalmangels nicht mehr sicher gewesen sei, ob verordnete Infusionen überhaupt verabreicht worden seien. Gemeinsam mit zwei Kollegen habe er die Engpässe mit der Direktorin und der Geschäftsführung besprochen, ohne dass sich die Lage verbessert habe. Im Juni 2022 folgte nach seinen Angaben eine weitere Anzeige.

Der Anklage zufolge soll die frühere Direktorin von Jänner 2019 bis August 2022 nicht die nötigen Mittel für eine fachgerechte Betreuung bereitgestellt haben. Bei mehreren Bewohnerinnen und Bewohnern seien schmerzhafte Pflegeschäden aufgetreten, darunter Aufliegegeschwüre, Gelenkversteifungen und Knochenbrüche.

Besonders drastisch schildert die Anklage den Fall eines Bewohners, der am Verlassen seines Betts gehindert worden sein soll, indem Seitenteile angebracht wurden. Der Mann habe wiederholt versucht, diese zu überklettern, und sich dabei mehrfach eingeklemmt oder bei Stürzen verletzt.

Die Angeklagte hatte zu Prozessbeginn sämtliche Vorwürfe zurückgewiesen. Sie erklärte, sie sei nur für das Kaufmännische zuständig gewesen und habe keine Pflegeausbildung, sondern Gesundheitsmanagement studiert. Ihre Aufgaben seien Abrechnung, Verwaltung und die Vertretung nach außen gewesen. Das Heim stellte seinen Betrieb später ein, nachdem der Pachtvertrag nicht verlängert worden war. Betroffene Seniorinnen und Senioren wurden über den Fonds Soziales Wien in anderen Einrichtungen untergebracht.

Diesen Artikel teilen