Der Islamtheologe Mouhanad Khorchide sieht in der Wiener Jugendstudie ein Warnsignal für die Integration junger Muslime. Wenn 41 Prozent der befragten muslimischen Jugendlichen angeben, islamische Gebote stünden für sie über den Gesetzen, zeige das vor allem ein Problem der Zugehörigkeit, sagte Khorchide in einem Gespräch über die Studie „Zwischen Anerkennung und Abwertung: Einstellungen junger Zugewanderter in Wien“.
Der Wissenschaftler, der zu den bekanntesten Vertretern eines liberalen, europäischen Islam zählt, verweist auf einen Grundkonflikt, der sich seit Jahren durch die Debatte zieht: Manche junge Muslime müssten erst lernen, dass sich religiöse Identität und demokratische Ordnung nicht ausschließen. „Ich kann gleichzeitig Muslim und Demokrat sein“, lautet sein zentraler Satz. Genau diese Verbindung hält Khorchide für entscheidend, wenn Jugendliche nicht für radikale Prediger oder einfache Antworten im Netz anfällig werden sollen.
Die Studie des Wiener Sozialforschers Kenan Güngör reiht sich in eine längere Diskussion um religiöse Selbstverortung und gesellschaftliche Teilhabe ein. Schon Khorchides Dissertation aus dem Jahr 2009 über islamische Religionslehrer in Österreich hatte für Aufsehen gesorgt: Damals gaben rund ein Fünftel der Befragten an, Demokratie als Widerspruch zum Islam zu sehen und abzulehnen.
Khorchide sieht darin bis heute keinen Beweis für eine Unvereinbarkeit von Islam und Demokratie, sondern einen Hinweis auf Defizite in der religiösen Bildung und in der sozialen Einbindung. Junge Menschen suchten Anerkennung, Orientierung und eine klare Rolle in der Gesellschaft. Wo sie diese nicht finden, könnten digitale Prediger und extremistische Milieus leichter an Einfluss gewinnen.
Der Theologe selbst lebt seit Jahren unter Polizeischutz, nachdem ihm wegen seiner liberalen Positionen Morddrohungen von Islamisten gemacht worden waren. Seine Position bleibt dennoch unverändert: Für ihn muss ein europäisch geprägter Islam die demokratische Rechtsordnung nicht nur akzeptieren, sondern als Teil seiner Identität begreifen.









